
Bayerischer
Forschungsverbund für Nanoelektronik (FORNEL)
Forschung:
Projekte
Die Mikroelektronik und ihre Anwendungen spielen heute auf allen
technischen Gebieten und in fast allen Lebensbereichen wie Gesundheit,
Mobilität, Sicherheit, Kommunikation und Unterhaltung eine
unverzichtbare Rolle. Sie haben dadurch starke Auswirkung auf die
Entwicklung unserer vernetzten und mobilen Gesellschaft.
Das heutige Weltmarktvolumen elektronischer Bauelemente beträgt 226
Milliarden Euro mit erwarteten Steigerungsraten um 8% pro Jahr [1].
Fast 100.000 Arbeitsplätze hängen laut BMBF in Deutschland von
Elektronik-Bauelementen ab, inklusive der erweiterten Bereiche
Hardware, Software und IT-Dienstleistungen sind es fast 800.000
Arbeitsplätze. Davon entfällt ein großer Anteil auf Bayern als Standort
für die IC-Fertigung sowie von Gerätefirmen. Als Schlüsseltechnologie
und Innovationsmotor entscheidet die Mikroelektronik über die
Wirtschaftskraft, Arbeitsplätze und Wohlstand eines
Hochtechnologiestandortes wie Bayern.
Die Mikroelektronik unterliegt einer rasanten Entwicklung. Diese
vollzieht sich bis heute streng nach der von Gordon Moore, einem der
Mitbegründer von Intel, formulierten und als Mooresches Gesetz
bekannten Erkenntnis, dass die meisten Kenngrößen der
Halbleitertechnologie eine exponentielle Entwicklung aufweisen. So
verdoppelt sich zum Beispiel die Anzahl der Bauelemente pro
Speicherchip etwa alle 18 Monate. Die Dynamik der Mikroelektronik
äußert sich in drastischen Preissenkungen, Reduzierung des
Energieverbrauchs, sowie extremer Steigerung von Leistungsfähigkeit und
Komplexität. Dies hat aber auch einen stark erhöhten Forschungs-,
Entwicklungs- und Produktionsaufwand zur Folge.
Zur Aufrechterhaltung dieser Entwicklung legt die International
Technology Roadmap for Semiconductors (ITRS), die alle zwei Jahre durch
ein Gremium neu erarbeitet wird, für die Halbleiterindustrie
entsprechende Spezifikationen und Meilensteine fest. Ursprünglich 1992
als National Technology Roadmap for Semiconductors der amerikanischen
Semiconductor Industry Association (SIA) entstanden, wurden im Jahr
1998 die wichtigen Entwicklungsregionen Europa, Japan, Korea und Taiwan
mit ein-bezogen, so dass die ITRS heute die weltweite Entwicklung der
Mikroelektronik vorgibt.
In jüngerer Zeit hat sich eine Tendenz zur Beschleunigung gegenüber dem
durch das Mooresche Gesetz vorgegebenen Verlauf ergeben. Es zeigt sich
ein Trend zur Verkürzung der Generationszyklen von drei auf zwei Jahre.
Allerdings stößt das bisherige Fortschreiten der konventionellen
Mikroelektronik in Richtung immer kleinerer und dünnerer Strukturen
zunehmend auf sowohl fundamentale physikalische als auch ökonomische
Grenzen, insbesondere auch im Bereich der Material- und
Gerätetechnologien. Ein Beispiel für die bei weiterer Miniaturisierung
auftretenden Schwierigkeiten ist die Dicke traditioneller
Gateoxidschichten, die unter 2 nm nicht mehr einsetzbar sind. Es gibt
für viele technische Barrieren noch keine Lösungsansätze oder eine
Vorstellung davon, mit welchen Schwierigkeiten zu rechnen ist. Die mit
erhöhtem Tempo stattfindende Annäherung an physikalische Grenzen hat
zudem extrem steigende Kosten in Forschung und Produktion zur Folge.
Die Weiterentwicklung der Mikroelektronik nach den Vorgaben der ITRS,
speziell für Zeiträume nach 2007 und für Strukturgrößen unter 65 nm,
lässt sich mit den klassi-schen Technologien nur teilweise realisieren.
Als Hürden sind hier beispielsweise zu nennen:
Neue Materialien:
Neue Leitermaterialien (Kupfer), neue Isolatoren (hoch-, niedrig-
Dielektrika), neue Materialien für Gateelektroden (Metalle,
Metallnitride) und Speicher
Neue Lithographieverfahren:
Ergänzung der optischen Lithographie durch alternative Verfahren für
Strukturen unter 50 nm
Neue Bauelementkonzepte:
Si-Ge, Strained Si, vertikale Transistoren, nichtflüchtige Speicher,
Double und Multi Gate Strukturen, Einzelelektronentransistoren
Neue Bauelementeffekte:
Ballistische Effekte, Quanteneffekte, statistische Fluktuationen,
Grenzflächeneffekte
Beim Übergang von der Mikro- auf die Nanoelektronik erreicht die
Siliciumtechnologie ihre Grenzen, deren Überwindung in vielen Punkten
mit einem radikalen Tech-nologiewechsel hinsichtlich Prozessen,
Materialien und Design verbunden sein wird. Für die Sicherung der
zukünftigen Technologie- und Wettbewerbsfähigkeit ergeben sich
Herausforderungen im Bereich der Herstellungstechnologien sowie der
Bauelemente und Schaltungen.
Die Schwierigkeiten bei den Herstellungstechnologien bestehen vor allem
im Hinblick auf vertikale und laterale Strukturierung. In vertikaler
Richtung werden für Grenzflächen und Zwischenschichten Schichtdicken
notwendig, die nur wenige oder eine Atomlage umfassen. Es müssen
Abscheideverfahren für dielektrische Schichten, Barriereschichten und
Steuerelektroden gefunden werden, die einen Schichtaufbau mit atomar
kontrollierter Schichtfolge erlauben. Der Einfluss von Grenzflächen
wird mit dünner werdenden Schichten immer stärker, so dass die
Übergänge sehr gezielt erfolgen müssen. Eine sehr wichtige Rolle
spielen neue Materialien (z.B. hoch- und nieder-Epsilon-Dielektrika).
Die Schichten skalieren zusammen mit den lateralen Strukturen, und es
werden sehr viele verschiedene Arten von Schichten und Technologien
benötigt (Steuerelektrode, Dielektrika, Metallisierungsschichten,
vielfältige Barriereschichten, Speichermaterialien).
Diese dünnen Schichten müssen mit geeigneten Technologien lateral
strukturiert werden. Die laterale Miniaturisierung beinhaltet die
Weiterentwicklung der optischen Lithographie nach DUV (tiefes
Ultraviolett) und EUV (extremes Ultraviolett) sowie alternative
Lithographie in Form von neuen Verfahren mit direktschreibender
Struktu-rierung mittels Elektronen- bzw. Ionenstrahl und sogenannten
Imprint-Technologien. Optische Lithographie und
Elektronenstrahl-Lithographie ermöglichen heute bereits Strukturgrößen
im Bereich von einigen zehn Nanometern. Ob sich mit beiden Verfahren
auf Fertigungsmaßstab und wirtschaftlich Bauelemente auch im Bereich
von 20 nm und darunter fertigen lassen, ist aufgrund des hohen Aufwands
jedoch fraglich. Bei EUV-Lithographie stellt sich die Frage nach der
Beherrschbarkeit der Kosten. Ein weiteres Problem könnte sich bei den
optischen Verfahren mit sehr kurzer Wellenlänge auch beim Photolack
ergeben, wenn die Strukturen sich der Größe der Lackmoleküle annähern.
Ein neuartiges und aussichtsreiches Verfahren der Strukturierung stellt
das Imprint-Verfahren dar, das auch für einfache Systeme mit
überschau-baren Kosten einsetzbar scheint. Dabei wird eine mechanische
Strukturübertragung (Stempeln) mittels flüssigem und aushärtendem
Polymer durchgeführt. Es bietet sich speziell für nicht zu komplexe
Systeme wie Nanosystemtechnik und Speicherzellen sowie die
Strukturierung der oberen Ebene (Metallisierung) an.
Im Bereich der Bauelemente und Schaltungen sind neuartige und
optimierte Konzepte gefordert, um die angestrebte Verkleinerung der
Strukturen umsetzen zu kön-nen, die in weiten Teilen die Grenzen des
klassischen CMOS überschreiten werden. Diese Neuerungen werden
weitgehend auf Silicium-Basis arbeiten oder mit der
Silicium-Technologie kompatibel sein. Ziele sind hier zum Beispiel die
Realisierung höchster Frequenzen über 100GHz oder hochintegrierter
nichtflüchtiger Speicher. Bereits die generelle Verkleinerung
herkömmlicher CMOS-Bauelemente bis an Strukturgrößen, die atomare
Skalen erreichen, ist ein wichtiger Aspekt der Nanoelektronik. Bisher
nicht relevante Effekte (statistische Schwankungen, ballistische
Ef-fekte, Quanteneffekte) beeinflussen die Bauelementecharakteristik
immer stärker und erfordern neben der Erarbeitung der physikalischen
Grundlagen in Modellierung und Simulation auch die Entwicklung neuer
Konzepte und neuartiger Strukturen. Dies eröffnet die Möglichkeit, neue
Bauelemente zu realisieren. Vertikale Transistorstruk-turen, neuartige
Gateanordnungen, Mehrfachsteuerelektroden, Quantenpunkte, Few bzw.
Single Electron Transistoren und Tunneltransistoren werden als
aussichtsreiche Kandidaten gesehen.
Um das Potential neuer Bauelemente für die Höchstintegration zu
bewerten, muss deren Einsatz in Schaltungen und Systemen betrachtet
werden. Sie sind dann att-raktiv, wenn die Leistungsfähigkeit der
herkömmlichen CMOS-Technik bezüglich Geschwindigkeit, geringer
Verlustleistung und günstigen Herstellungskosten übertroffen wird.
Zudem bietet sich z.B. mit Tunneltransistoren in der Analogtechnik die
Möglichkeit, neue Schaltungstopologien mit besseren Eigenschaften zu
realisieren.
Neben neuartigen Transistoren rücken innovative Speicherkonzepte in den
Mittelpunkt des Interesses, aufgrund des Bedarfs für digitale Musik,
Fotografie und Datenspeicherung vor allem für nichtflüchtige Speicher,
deren Prinzip nicht auf Ladungsspeicherung beruht. Es werden unter
anderem magnetische bzw. ferroelektrische Effekte oder Phasenänderungen
genutzt. Auch hier ist die Erforschung anwendungsspezifischer neuer
Materialien essentiell.
Die führende Rolle in der Mikro- und Nanoelektronik ist dabei, sich von
Japan in die USA, aber teilweise auch nach Europa zu verschieben [1].
Allerdings besteht in vieler Hinsicht noch deutlicher Nachholbedarf
gegenüber der internationalen Konkurrenz. So wird Deutschland vom BMBF
[1] unter anderem eine starke Position auf dem Gebiet der
Leistungselektronik, in der Materialforschung zur Halbleitertechnik
sowie eine hervorragende Forschungslandschaft zur Halbleitertechnologie
insgesamt bescheinigt. Außerdem gibt es eine relativ starke
mittelständische Geräteindustrie. Demge-genüber steht jedoch eine
Eigenversorgungsrate mit Chips von unter 50% in Europa, eine geringe
Anzahl von Schlüsselpatenten in Deutschland, ein unterkritischer Anteil
von deutschen Geräteherstellern am Weltumsatz und die Tatsache, dass
ein Großteil der Halbleiterfabriken Töchter ausländischer Unternehmen
sind, während es nur ei-nen großen deutschen Halbleiterhersteller gibt.
In Bayern sind im Bereich der Mikro- und Nanoelektronik große
Forschungskapazitäten an den Universitäten und Forschungseinrichtungen
vorhanden. Speziell in München und Erlangen finden sich starke
Aktivitäten zur Siliciumtechnologie. In Würzburg wird zudem die
Technologie von Verbindungshalbleitern wie Galliumarsenid erfolgreich
vorangetrieben. Die Einrichtungen gehören zu den führenden in Europa
und teilweise weltweit. Diese Kompetenzen bilden von akademischer Seite
eine hervorragende Grundlage für eine umfassende Forschung zur
Nanoelektronik.
Obwohl in jüngerer Zeit vor allem in Sachsen (Raum Dresden) große
Chipfabriken angesiedelt wurden, ist Bayern nach wie vor ein Zentrum
der Halbleiterindustrie. Für Infineon sowie zahlreiche mittelständische
Unternehmen, die auf dem Gebiet der Halbleitertechnologie vor allem im
Bereich der Schichtabscheidung und Strukturierung tätig sind, ist die
Mikro- und Nanoelektronik von strategischer Bedeutung. Vor allem die
mittelständischen Unternehmen müssen sich auf neue und alternative
Verfahren und Technologien stützen und sich hier frühzeitig
Erkenntnisse und Kom-petenzen sichern.
Die Halbleitertechnologie ist mit dem Übergang von der Mikro- zur
Nanoelektronik dabei, eine neue entscheidende Entwicklungsphase
einzuleiten. Es besteht angesichts der laufenden internationalen
Aktivitäten akuter Handlungsbedarf, Bayern für die Nanoelektronik zu
stärken, um sich entscheidende Vorteile im Wettbewerb der Forschungs-
und Fertigungsstandorte zu sichern und Bayern als attraktiven Partner
in Industrie und Forschung für internationale Allianzen im Europa der
Regionen zu etablieren. Der Bayerische Forschungsverbund für
Nanoelektronik (FORNEL) wird dazu beitragen, erfolgreiche Entwicklungen
zur Nanoelektronik bis zur Markteinfüh-rung und damit eine
Wertschöpfung durch bayerische Unternehmen inklusive der Sicherung und
Schaffung von Arbeitsplätzen zu ermöglichen.
Ziel des Verbundes ist die Abdeckung von Schlüsselaspekten der
Nanoelektronik anhand von ausgewählten, für die Entwicklung der
Nanoelektronik wichtigen Teilprojekt-Themen, die eine große
wissenschaftliche Relevanz, ein hohes industrielles Potential und einen
engen Bezug zur Industrie in Bayern aufweisen. Durch den Verbund werden
die Kooperationen der akademischen Partner gestärkt und durch Bündelung
der Kompetenzen größtmögliche Synergieeffekte für die thematisch
verknüpften Teilprojekte erreicht. Die Partner werden so durch
Erfahrungsaustausch und gegenseitige Nutzung von Techniken und
Infrastruktur voneinander profitieren. Über die Einzelprojekte hinaus
ist geplant, ein Netzwerk zur gegenseitigen Nutzung von Infrastruktur
und Austausch von Wafern aufzubauen.
Von großer Bedeutung ist der Transfer der gewonnenen Erkenntnisse in
industrielle Produkte und Anwendungen. Der Verbund wird wichtige
Beiträge für die Entwicklung der Nanoelektronik leisten und
entscheidende technologische Neuerungen durch eine industrielle
Umsetzung bei bayerischen Industriepartnern auf den Weg bringen. Die am
Verbund beteiligten Industriepartner gewährleisten eine rasche und
anwendungsorientierte Umsetzung der Forschungsergebnisse und stellen
somit eine Wertschöpfung in Bayern mit positiven Auswirkungen für den
bayerischen Arbeitsmarkt sicher.
Die Entwicklung der Nanoelektronik steht in vielen Bereichen noch sehr
am Anfang. Es sind teils völlig neue Technologien und Konzepte für den
Übergang auf die Nanoelektronik erforderlich. Mit diesem hohen
Innovationsgehalt ist ein erhebliches fachliches und wirtschaftliches
Risiko verbunden, das die entwickelnden Firmen ohne Förderung allein
nicht tragen könnten. Das Verbundvorhaben FORNEL wird den beteiligten
bayerischen Industriepartnern die Möglichkeit geben, in Zusammenarbeit
mit den Forschungseinrichtungen des Verbundes die geplanten Arbeiten zu
zukunftsträchtigen Forschungs- und Entwicklungsthemen mit großem
wirtschaftlichen Potential zu realisieren.
Die Verbundinitiative zur Nanoelektronik FORNEL wird Bayern eine starke
und konkurrenzfähige Position im internationalen Wettbewerb der
angewandten Forschung sichern. Neben den konkreten technischen
Neuentwicklungen werden durch den Verbund breite Kooperation und Dialog
zwischen den akademischen und den industriellen Partnern gestärkt. Die
bayerische Forschungslandschaft zur Nanoelektronik wird durch den
Kompetenzgewinn auch als Partner für Firmen außerhalb des Verbundes
attraktiver. Bayern wird damit im Bereich der Nanoelektronik ein
attraktiver Standort für Zulieferfirmen von Technologien und Geräten
bis hin zur Fertigung von Bauelementen.
[1] BMBF Förderprogramm IT-Forschung 2006,
Förderkonzept Nanoelektronik.
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